Montag, 28.05.2018 10:05 Uhr

Pedalritter der Hauptstadt

Verantwortlicher Autor: C. Schmieder Berlin, 05.03.2018, 10:39 Uhr
Presse-Ressort von: C. Schmieder Bericht 5677x gelesen
Heißer Asphalt
Heißer Asphalt  Bild: © Foto: J. Bellon

Berlin [ENA] Sie fahren umweltfreundlich, leise, abgasfrei. Sie brauchen wenig Platz, breite Radwege und keine Tankstellen. Sie trotzen dem Wetter, mühen sich bei Gegenwind und kommen ins Schwitzen. Sie werden bei Regen naß, leben gefährlich und atmen schwer zwischen den Autos bei Rot an der Ampel.

Ihre natürlichen Feinde allerdings sind Autofahrer, wider diese sie die Straße für sich reklamieren müssen, jeden Tag aufs Neue: Keine Reifenbreite wird ihnen geschenkt, kein Zentimeter Straße ihnen aus Freundlichkeit überlassen, keine Schikane erspart. Hiernach folgen ignorante Fußgänger, die allem, was nicht Brumbrum macht, die nötige wie fällige Achtung versagen, gleich gefolgt von Feind Nr. 3, der Berliner Polizei, seit einigen Jahren etwa mit den Pseudo-Rambos der Fahrradstaffel.

Das Non-plus-ultra sind jedoch Touristen aus Gegenden, die weder Radwege noch Radfahrer kennen. Eine feindliche Unterspezies sind zudem jene, die meinen, Vorfahrt wie Verkehrsrecht seien stets auf Seiten des Stärkeren. Meine persönlichen Lieblingsfeinde sind jene Taxi- und sonstigen Fahrer, die aus ihren Bergdörfern in Vorderasien weder Blinker noch Rückspiegel kennen und gewohnt sind, der Rest richte sich nach ihnen und ihrer Fahrweise. Diese, sollten sie doch einmal blinken, erwarten auf jeden Fall, daß der Radfahrer sofort bremst und widerspruchslos den Spurwechsel gewehrt, schließlich habe ein Auto, selbst der pissigste Polo, per se die Straßen- und Abbiegehoheit.

Es gibt Kreuzungen, da kann man sich ins Restaurant setzen, warten und zusehen, wie Radfahrer über Motorhauben der Rechtsabbieger fliegen. Meine Wenigkeit, die einmal im Jahr in ein solches Restaurant geht, hatte vorletzten August das Vergnügen — akustisch gleichermaßen wie optisch. Unvergeßlich. Besonders sorglos biegen dabei Autofahrerinnen aus dem Berliner Umland ab, wenn es sie schon mal mit ihrem Fahrzeug nach Berlin verschlägt. Besonders clevere stellen zuvor noch den Radstreifen zu, um Radfahrer schon bei der Anfahrt auszubremsen ...

Neulich war eine junge Mutter mit ihren beiden Jungen auf einem Radweg bzw. „Fahrradangebotsstreifen“ unterwegs, wovon einer eine Radfahrerin überholt haben soll. Mit seinem Rucksack soll er am Lenker der Radfahrerin hängengeblieben sein (Wie ist derartiges möglich?), so daß es zum Sturz beider kam. Er fiel in Richtung Straßenrand, sie vor ein fahrendes Auto auf der Fahrbahn und mußte schwerverletzt vom Rettungswagen aufgesammelt werden, während die Mutter und die Jungen später der Polizei Interviews gaben. Es scheint Zufall gewesen zu sein, daß die junge Autofahrerin ein Kenzeichen des Landkreises Oberhavel hatte. Das Fahrrad hingegen lang 18 [sic!] Meter von der Stelle entfernt, an der der Sturz erfolgte.

Hier krachte es ...
... hier flog Rad und Fahrerin ...
... und hier landeten beide.

Die Meldung der Polizei liest sich hingegen so: "Nr. 1925
 Ein schwerer Verkehrsunfall ereignete sich gestern Abend in Prenzlauer Berg. Ein Zwölfjähriger war gegen 19.10 Uhr mit dem Rad auf dem Fahrradangebotsstreifen der Danziger Straße in Richtung Senefelderstraße unterwegs. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand überholte der Junge eine vor ihm fahrende Radfahrerin. Dabei blieb der Rucksack des Kindes am Fahrradlenker der 24-Jährigen hängen und beide stürzten. Während er nach rechts fiel, stürzte die Frau nach links auf die Straße und wurde dabei von dem Auto einer 32-Jährigen erfasst. ...

... Die Radfahrerin erlitt Verletzungen am ganzen Körper, kam mit einem Rettungswagen in ein Krankenhaus und wurde dort zur weiteren Behandlung stationär aufgenommen. Das Kind sowie die Autofahrerin blieben unverletzt." Wie banal die Amtssprache einer Verwaltung hier klingt, umso gefährlicher sind die tatsächlichen Bedingungen für Radfahrer auf den Berliner Straßen. Daß der Politik es nicht gelingt, angemessen zu reagieren, ist nur die Rückseite deren völligen Unfähigkeit, die Hauptstadt zu regieren. Immerhin, durch einen nicht fertigestellten BER wird keiner verletzt oder stirbt gar wie auf Berlins Straßen.

Die Bilder sprechen allerdings eine sehr deutliche Sprache, und zwar von einem Unfall und dessen Opfer, was selbst durch den gemeinen Politiker sich nicht schönreden läßt. Die Mutter der 32jährigen Autofahrerin, gleich nebst männlicher Begleitung herbeitelefoniert, hetzte zudem noch die Polizei auf den Fotografen, um ihm das Fotografieren zu untersagen, die sich dafür auch willig instrumentalisieren ließ. Wahrscheinlich fahren sowohl Mutter als auch Polizist nicht Rad. Insbesondere aber ist es der falsche Weg, den Druck auf Radfahrer, z.B. durch die Fahrradstaffel, zu erhöhen. Und wie es der Radfahrerin jetzt geht, interessiert wahrscheinlich auch niemanden: Das Auto muß jedenfalls in die Werkstatt und repariert werden ...

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