Montag, 17.12.2018 21:01 Uhr

Mit Latein am Ende III — Nachhilfe

Verantwortlicher Autor: C. Schmieder Berlin, 27.11.2017, 11:52 Uhr
Presse-Ressort von: C. Schmieder Bericht 4224x gelesen
Millionengeschäft Nachhilfe
Millionengeschäft Nachhilfe  Bild: © C. Schmieder

Berlin [ENA] Fast täglich gehen Nachrichten über das deutschen Bildungssystems durch die Medien, die diesem einen katastrophalen Zustand attestieren: PISA-Studien, Bildungsmonitore, Lehrermangel, Gewalt an Schulden, Quereinsteiger, Unterrichtsausfall, Abi-Pannen — doch das eigentliche Problem ist ein anderes.

Daß Latein bei Schülern selten ein Lieblingsfach ist, mag nicht verwundern. Und daß Latein wohl eher wenigen Schülern leicht fällt, gilt als Allgemeinplatz. Daß jedoch es weniger mangelnder Ehrgeiz bei den Schülern ist, sondern vielmehr strukturelle Probleme des Schul-und Bildungssystems, die in mangelhaften Leistungen sich manifestieren, steht allerdings auf einem anderen Blatt und wagt niemand offen auszusprechen. So ist es gerade im Fach Latein Aufgabe der Nachhilfe, nicht nur individuelle Lernschwächen der Schüler zu beheben, sondern und vor allem gerade jene strukturellen Probleme zu kompensieren. Doch die Praxis gelangt hierbei schnell an Grenzen.

Daß die Anforderungen der Schule durch die Schüler als stets zu hoch wahrgenommen werden, war immer schon Attitüde. Mitunter werden auch Strategien zur Vermeidung dessen, was Anstrengung bedeutet, appliziert: Warum es sich schwer machen, wenn es auch einfach geht. Nicht, daß Latein schwer wäre, es ist nur anders, denn seine Logik verlangt ein anderes Denken und einen anderen Umgang mit dieser Sprache als beispielsweise Spanisch. Was jedoch einen Großteil der Schülerinnen und Schüler ihr die Gunst versagen läßt, ist, daß sie nicht direkt in ihrem Alltag anwendbar ist, wie z.B. Englisch beim Konsum von Fernsehserien in Originalsprache. Weiter denken sie allerdings nicht. Noch nicht.

Dennoch werden sie dann zur Nachhilfe geschickt, wenn die Eltern das nötige Kleingeld übrig haben. Doch nicht um etwa etwas zu lernen, sondern um einfacher an die Ergebnisse zu kommen, die vom Lehrer abgerufen werden. Denn dieser hat für die Noten seiner Schüler vor Schulleiter und Eltern gerade zu stehen, und auch er mag das Leben sich nicht unnötig schwerer machen als es bereits ist. So kommt es, daß die Schülerinnen bereits mit dem Text, der in der Klausur Gegenstand sein wird, bei der Nachhilfe auftauchen, um ihn von dort übersetzt und bereit zum auswendiglernen wieder mit nach Hause zu nehmen.

Der Lehrer, so verlauten die beiden Schülerinnen, habe angedeutet bzw. zufällig fallen lassen, welcher Text „mit großer Wahrscheinlichkeit“ drankommen werde. Er stammt aus dem Lehrbuch „Cursus Latinus“ und ist eigentlich nicht schwer, doch das Gedächtnis kapituliert vor Partizipien im allgemeinen und dem Participium coniunctum im besonderen. Stets von neuem. Und Ferien lösen automatisch einen tabula-rasa-Mechanismus aus. Hinzu kommen Schwierigkeiten auf semantischer Ebene, wo domus, dominus, domesticus und dominare irgendwie ununterscheidbar werden sowie die Frage, was domus mit dem Mailänder Dom oder dem in Köln – meinetwegen auch dem Berliner – zu tun haben könnte, unlösbar sich erweist.

Doch den Müttern der beiden Schülerinnen ist die fachlich-inhaltliche Ebene sekundär, das Primat liegt darauf, daß sich die beiden wohlfühlen, i.e. sich nicht zu sehr anstrengen müssen. Dafür wird auch ein deutlich geringerer Lernerfolg in Kauf genommen. Hierbei ist auch nicht gewollt, daß das jeweilige Problem bei erneutem Auftreten selbständig gelöst werden kann, ja nicht einmal die Kernkompetenz, sich den Lösungsansatz selbst zu erarbeiten, darf den beiden Mädchen vermittelt werden.

Es wird implizit verlangt, daß man als Lehrer nicht einmal mehr zu analysieren habe, woran es liegt, daß dieser oder jener Fehler beim Übersetzen oder Verstehen auftritt, und was als Ursache hierfür auszumachen wäre. Der Wunsch beider Mütter lautet unausgesprochen deutlich: Vorsagen. Die vorherige Kollegin, jetzt im Schwangerschaftsurlaub, habe dies bereits erfolgreich und zur Zufriedenheit der Töchter praktiziert. In anderen Worten: Nicht einmal mehr das Anforderungsniveau absenken, was doch sonst inzwischen längst gängige Praxis an Grundschulen, Gymnasien und Berufsschulen ist und insbesondere für Polizeibewerber bei Rechtschreibung und Lesen diskutiert wurde.

Einmal wurde der Text für die nächste Klausur bereits von der Mutter gemeinsam mit der Tochter vorbereitet und die Nachhilfe sollte dann lediglich das Produkt absegnen, damit die "1" unter der Klassenarbeit garantiert sei. Doch beide scheiterten schon am Satz „Da nobis obsides!“, wofür als Übersetzung „Gib unsere Geiseln“ vorgeschlagen wurde. Dabei weiß man bereits vom Deutschen, daß beim Verb „geben“ stets von Interesse ist, was gegeben wird und wem, also ein Akkusativ- und ein Dativobjekt von diesem Verb abhängt. Dafür braucht man nicht einmal Lateinkenntnisse. Doch bereits das ist zuviel verlangt und die Mutter besteht darauf, ihr Kind habe ein Recht, vom Lehrer die richtige Lösung zu erfahren, auch ohne selbst nachdenken zu müssen.

Nachhilfe bei 'Rotlicht'

Es ist sicherlich verständlich, daß kein Fachlehrer an einem Gymnasium sich derartiges antun möchte und schon deshalb den in der Klausur zu übersetzenden Text bekannt gibt, zumal er es nicht mit lediglich zwei Schülerinnen zu tun hat, sondern mit mindestens 25 Schülern von dieser Sorte und deren Eltern. Dafür ist er auch verbeamtet, erhält Gehalt, drei bis viermal höher als das eines – in der Regel prekären – Nachhilfelehrers, inklusive Krankenversicherung, Krankengeld im Krankheitsfall sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Bezahlte Ferien sind in der Tat eine schöne Sache. Warum sich noch extra Streß einhandeln?

Was hier allerdings das staatliche Bildungssystem versäumt, muß der private Bildungssektor schon a priori durchgehen lassen, da die Schülerinnen Kundinnen sind, die zahlen und somit bestimmen, welche Leistung sie für ihr Geld erhalten. Dagegen vermag auch das Qualitätsmanagement des Nachhilfeanbieters, der einem Finanzinvestor mit Sitz in München gehört, nichts auszurichten: Gegen das Rendite-Diktat hatte Bildung noch nie eine Chance, der Markt regelt den Rest. Dessen Logik verlangt, die Kunden möglichst lange zu halten und zahlen zu lassen, d.h. die Wissensvermittlung weniger effizient, dafür umso bekömmlicher zu gestalten.

Jedenfalls werden den Schülerinnen auf ihrem Abschlußzeugnis Kenntnisse bescheinigt, die einem Latinum äquivalent sind. Daß dem nicht so ist, liegt allerdings auf der Hand. Doch das stört niemanden, insofern sie nicht – und das gilt als ziemlich sicher – Latein studieren werden. Von den Unis hört man allerdings, daß der Nachwuchs in der Lateinischen Philologie erst einmal ein Propädeutikum absolvieren müsse, da a) nicht die Kenntnisse vorhanden sind, die originalsprachliche Lektüre gestatten würden, weil sie b) den Anforderungen zur Aufnahme dieses Studiums nicht entsprechen, obwohl sie bescheinigt wurden. Doch Latein ist kein Dieselfahrzeug und diese „Werte“ taugen nicht für einen Skandal: Latein atmet man nicht ein wie Autoabgase.

Es bleibt zu hoffen, daß diese Schülerinnen und Schüler nicht Ärzte, Chirurgen, Piloten, Architekten oder dergleichen werden. Dabei wäre es nur konsequent und vor allem nicht schlimm, diesen jungen Menschen den Lateinunterricht zu ersparen und auf solchen Etiketten- wie Notenschwindel zu verzichten. Zumal diese Generation nicht nur nicht in der Lage sein wird, einen Flughafen zu bauen, d.h. fertigzustellen: Sie wird ihn nicht einmal mehr beginnen können.

Doch sind diese Mechanismen inzwischen derart systemisch, daß es nicht leicht fällt, für die Zukunft nicht schwarz zu sehen. Andererseits ist es nur allzu verständlich und offensichtlich, weshalb die deutschen Universitäten Bachelor und Master einführen mußten: Die Gymnasien stellen einfach keine Studenten mehr bereit, die ein Magisterstudium hätten absolvieren können.

Epilog: Doch das Kuscheln zwischen Lehrern und Schülern ist bereits an den Universitäten angekommen und zwischen Lehrenden sowie Studierenden perfektioniert. Dabei ist Fachwissen überflüssig oder wird längst fragwürdigen sozialen Kompetenzen unterworfen: Fachliche Argumente werden persönlich genommen und unterliegen daher vorab einer freiwilligen Zensur. Sonst drohen soziale Sanktionen. Die Latinistik der FU Berlin kann diesbezüglich sich bereits des inoffiziellen Titels „Waldorf-Universität“ sicher sein.

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