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Mit Latein am Ende I

Verantwortlicher Autor: C. Schmieder Berlin, 09.08.2017, 21:25 Uhr
Presse-Ressort von: C. Schmieder Bericht 3932x gelesen
Zum Zustand der Geisteswissenschaften
Zum Zustand der Geisteswissenschaften  Bild: © Foto: C. Schmieder

Berlin [ENA] Nordrhein-Westfalen war und ist das erste Bundesland, das Kenntnisse in Latein „mehrheitlich“ für „verzichtbar“ hält, und zwar für die Zulassung zu einem geisteswissenschaftlichen Studium. Diese Debatte ging durch die Medien und spaltete die Republik.

Dabei waren die Argumente aller Beteiligten nicht von der Hand zu weisen. Daß jedoch ein solcher Verzicht inzwischen längst überflüssig ist, demonstriert die aktuelle Situation an Deutschlands Exzellenz-Universitäten: Eine Professorin, zu Ehren deren 60. Geburtstags eine mehrtägige Tagung veranstaltet wird und die ihre Ausbildung in Zeiten weit vor genannter Debatte durchlaufen hatte, sah sich außer Stande, einem lateinischen Substantiv im Neutrum das entsprechende Adjektiv zweier Endung mit dem korrekten Genus zuzuordnen.

Gleichfalls ein eloquenter Junior-Professor, vor vollem Hörsaal, ist nicht in der Lage, den korrekten Plural von „lapsus“ zu bilden: Scheint dies schon keiner zu merken, so scheint sich offensichtlich noch weniger irgendeiner der geschätzt zweihundertfünfzig anwesenden Studierenden – auch dieses Wort ist ein Monstrum – daran zu stören. Selbst die Kollegen vom Institut scheinen immun wider solchen Lapsus: Bildung und Universität sind inzwischen verschiedene Paar Schuhe.

Heutige akademische Curricula dürfen mit einiger Sicherheit als von Sprachkenntnissen sowie deren fehlerfreien Anwendung befreit gelten. Daß dabei Sprache als primum instrumentum der Geisteswissenschaften, in der zudem Denken – insofern es statt hat – sich spiegelt, sich von ihrer analytischen Funktion verabschiedet, ist gleichfalls nebensächlich. Worum es dann noch geht an Universitäten und Hochschulen, ist kein Geheimnis: Drittmittel und Selbstkanonisierung. Die so mit dem Privileg der Stellenvergabe erwirtschaftete autoritäre Macht weiß instinktsicher noch den letzten Willen, der zu arrivieren gedenkt, komplikationslos zu manipulieren, so daß er freiwillig nach der Pfeife tanzt, die das Sagen hat.

Den Gipfel bei diesem Spiel bildet der Chefprof der Ostberliner Latinistik, der seit Jahren [sic!] seiner Gattin – sicherlich keine unbezahlten – Lehraufträge zuschanzt, eine quasi allsemestrige Praxis, die ihm Institutsrat wie Studierendenvertretung willig und widerspruchslos absegnen. Schließlich bekommt letztere dafür auch Institutspreise, Reisekosten, Spesen und Hilfskraftstellen bewilligt: „Do ut des“ nannten es die Römer.

Die Begleitvorlesung, die solche Praxis als Theorie – wenn man es denn so nennen könnte – flankiert, trägt den vielsagenden wie alliterationsgeschmückten Titel „Macht und Moral“. Greift die finanzielle Manipulation nicht, bemüht Professor S. Machttechniken wie perfidestes Mobbing wie auch Rufmord und schreckt selbst vor kriminellen Praktiken wie Verleumdung nicht zurück.

Ist in den Geisteswissenschaften inzwischen völlig egal, was gesagt oder geschrieben wird, so liegt dies an Beliebig- wie Belanglosigkeit des Vorgebrachten: Jeder kann alles von sich geben, ohne sich darüber Rechenschaft ablegen oder gar mit Kritik rechnen zu müssen. Gehörte letztere noch nie zum guten Ton, regelt der Rest die Hackordnung, die derzeit im akademischen Betrieb eine ungeahnte Renaissance erlebt. Von der selbstverliebten Professorin über den dogmatischen Professor bis zum strebsamen Doktoranden wird der größte Unsinn – auch dies noch ein Euphemismus – hervorgebracht, ohne Einspruch befürchten zu müssen, da Selbstzensur und höfliches Schweigen inzwischen allgegenwärtige Staatsräson ist.

Der geringste Versuch, statt der üblichen Selbtvergewisserungen einen Diskurs zu wagen, ist a priori zum Scheitern verurteilt, da es nicht um den Inhalt dessen geht, was zur Diskussion steht, die eigentlich statthaben sollte, aber es nicht darf, sondern allein um Affirmation des Vorgebrachten, die zudem noch wohlwollend zu sein hat. Alles andere, was den bloßen Anschein von Kritik an sich hat, zieht das Verdikt nach sich, die Gemeinschaft der Adepten zu stören in einer Welt, die sowieso schon kalt genug ist. Und schon gar nicht darf der Gedanke Eitelkeiten des Nachwuchses verletzten: „Sie sind gar nicht in der Position, mich zu kritisieren!“, wie jüngst ein ambitionierter Doktorand seinen Verdruß wider bessere Argumente formulierte.

Doch selbst gestandene Professores, seit Jahrzehnten im Geschäft, sind kaum in der Lage, über das hinauszukommen, was sie immer schon taten. Bleibt hierbei nicht nur innovatives Denken, ja Denken überhaupt auf der Strecke, zählt vielmehr die Wiederholung des Immergleichen als Tradition in der – wie Deleuze schon anmerkte – Verdopplung des Textes. So nimmt es kaum Wunder, daß ein kleines wie feines Gedicht des römischen Dichters Horaz selbst nach 2000 Jahren nicht verstanden wurde, trotz daß Generationen von internationalen [!] Forschern seit Jahrhunderten sich an einer Interpretation versuchen. (vgl. http://www.hybris-verlag.de/texts/Mercuriusque.pdf)

Menge wie Masse (= Anzahl u. Umfang) unsinniger Publikationen wie Borniertheit der Systembeflissenen lassen zudem kaum zu, daß eventuell Neues wahrgenommen wird, wie auch Verfasser von Forschungsberichten, z.B. jener Lustrum-Reihe, so sehr in ihrer Logik wie der des Systems gefangen sind, daß sie sich nicht zu schade sind, schon mal des Gegenteil dessen, was geschrieben steht, zu behaupten. Manche Ordinarii geben sich dabei derart orthodox, als würden sie immer noch glauben, die Erde wäre eine Scheibe. Oder wie es Moravia formulierte: „Il rapporto fra alfabetismo e analfabetismo è costante, ma al giorno d'oggi gli analfabeti sanno leggere.“ Und selbst hierbei, d.h. daß sie lesen könnten, hätte ich Zweifel.

Als Non-plus-ultra gelingt jener Institution „Universität“, die an ihrer eigenen Verfallsgeschichte schreibt bzw. diese medial anderweitig kodiert, und für die Sprachen wohl letztlich schon längst überflüssig, quasi Relikt dunkler Vorzeiten sind, die Inversion und damit Verkehrung des aristotelischen zôon politikón in eine – Zitat – „politische Zoologie“ (wohl im Sinne einer regressiven Anthropologie), der gewiß nur noch eine ‚theologische Zoologie’ zu folgen hat, die dann die nach oben gespielten wie gespiegelten irdischen Verhältnisse zurück auf die Erde holt und am Menschen vorbei direkt Brehms Tierleben induziert, um dann noch einmal den Löwen zum König und gleichwohl Gott – diesmal aller – zu machen: Sancta scientia!

post scriptum: Wenn Ärzte genauso arbeiteten wie sogenannte Geisteswissenschaftler, würde man wohl besser nicht auf diese angewiesen sein wollen. Aber auch Flughafenbauer wie -planer kann man sich anscheinend nicht aussuchen ...

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